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Substitution oder Halt — Deutschlands eigentliche KI-Frage

Eine empirische Einordnung jenseits der Apokalypse-Erzählung

Person an einem Schreibtisch in einem Großraumbüro, Bildschirm mit Diagrammen zum Thema KI

Deutschland steht nicht vor einer KI-Job-Apokalypse, sondern vor einer kollektiven Wahl: ob Produktivitätsgewinne demografische Lücken schließen — oder Belegschaften ersetzen. Die Antwort entscheiden Unternehmen, Mitbestimmung und Politik bereits jetzt, jeden Tag.

1. Der Irrtum, der den Diskurs verzerrt

Vor einigen Jahren bestand die Sorge darin, dass Roboter unsere Arbeit übernehmen. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Die meisten von uns sitzen nicht neben einem humanoiden Kollegen am Schreibtisch — sondern kämpfen mit Excel-Datei Nummer 14, E-Mail Nummer 82 und Meeting Nummer 6.

Und mittendrin: eine Zahl, die wie eine Diagnose klingt.

38 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeiten laut IAB-Kurzbericht 5/2024 in Berufen, in denen über 70 Prozent der Tätigkeiten potenziell automatisierbar sind. Tendenz steigend — mit dem stärksten Zuwachs bei Expertenberufen (+9,7 Prozentpunkte seit 2019). Eine Zahl, die nach Erdrutsch klingt.

Doch dieselben IAB-Forscher konstatieren in derselben Studie: „Insgesamt lässt sich aber auch hier konstatieren, dass kein Beruf durch den Einsatz KI-gestützter Text- oder Sprach-Generatoren vollständig automatisierbar ist.”

Hohe Substituierbarkeit, fast keine vollständige Ersetzung. Wer das als Widerspruch liest, hat das Problem nicht verstanden. Wer es als Diagnose liest, kommt zur eigentlichen Frage.

Sie lautet nicht: Welche Jobs verschwinden? Sondern: Wer entscheidet, wessen Tätigkeiten ersetzt werden und wessen erhalten bleiben?

2. Webers Begriffspaar

Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen” am IAB, hat dafür einen analytischen Werkzeugkasten geliefert.

Der Substitutionseffekt bezeichnet die Tatsache, dass KI Tätigkeiten ersetzen kann — Texterstellung, Codierung, Sachbearbeitung, Recherche. Hier wirkt sich technische Möglichkeit aus.

Der Beschäftigungshalteeffekt beschreibt eine zweite, gegenläufige Kraft: Wenn Unternehmen unter Fachkräftemangel leiden, entlassen sie ihre Belegschaft nicht — auch wenn KI deren Tätigkeiten teilweise ersetzen könnte. Sie behalten sie. Und verschieben ihre Tätigkeitsprofile.

Welcher Effekt dominiert, ist keine technologische Frage. Es ist eine demografische und wirtschaftspolitische.

Die Zahlen sind eindeutig. Eine gemeinsame Studie von Bertelsmann Stiftung und IAB vom November 2024 zeigt: Ohne zusätzliche Zuwanderung schrumpft die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland von 46,4 Millionen (2024) auf 41,9 Millionen bis 2040 — ein Minus von zehn Prozent. Um das Erwerbspersonenpotenzial zu halten, braucht Deutschland jährlich rund 288.000 internationale Arbeitskräfte.

Weber formuliert es so: „KI führt primär zu einem Umbruch am Arbeitsmarkt. Gefragt sind künftig andere Tätigkeiten und Kompetenzen — nicht weniger Arbeit.” Sein Co-Autor Christian Schneemann ergänzt: „KI kann zur Brücke zwischen wirtschaftlichem Wachstum und einer schrumpfenden Bevölkerung werden.”

Brücke. Eine Brücke ist eine Möglichkeit, keine Notwendigkeit. Sie ist das Ergebnis menschlicher Entscheidungen.

3. Was die Daten zeigen

Wer Webers Brille aufsetzt, erkennt: Die scheinbar widersprüchlichen Befunde der letzten Monate ergeben gemeinsam ein kohärentes Bild.

Auf der Makroebene rechnet das QuBe-Modell von IAB, BIBB und GWS in seinem Forschungsbericht 23/2025 vor: Im KI-Szenario liegt die Gesamtbeschäftigung nach 15 Jahren auf nahezu gleichem Niveau wie ohne KI — bei 0,8 Prozentpunkten höherem BIP-Wachstum jährlich und kumuliert 4,5 Billionen Euro zusätzlicher Wertschöpfung. Hinter der Stabilität verbergen sich Bewegungen: 1,6 Millionen Stellen sind vom Strukturwandel betroffen, mit Verlusten bei Unternehmensdienstleistungen und Aufbau bei IT- und Informationsdienstleistern.

Auf der Erwartungsebene der Unternehmen zeichnet die ifo-Konjunkturumfrage vom Juni 2025 ein klares Bild: 27,1 Prozent der über 9.000 befragten Betriebe rechnen damit, dass KI in den nächsten fünf Jahren Stellen abbaut. Aber 67 Prozent erwarten keine Veränderung. Im Verarbeitenden Gewerbe liegt die Abbau-Erwartung bei 37,3 Prozent, im Bau bei nur 12,3 Prozent. Bei den betroffenen Unternehmen beträgt die durchschnittliche Reduktion rund acht Prozent.

Kein Beben.

Auf der mikroökonomischen Ebene schließlich liefert die WSI-Betriebsrätebefragung 2025 der Hans-Böckler-Stiftung — mit rund 3.700 mitbestimmten Betrieben die größte deutsche Erhebung dieser Art — das vielleicht aussagekräftigste Ergebnis. Nur 5,5 Prozent berichten KI-bedingten Stellenabbau, aber 12,5 Prozent berichten KI-bedingten Stellenaufbau. Der Aufbau überwiegt mehr als doppelt.

Drei Schichten desselben Phänomens. Modellrechnung, Erwartung, gelebte Praxis. In allen dreien dominiert nicht die Substitution, sondern der Halteeffekt — vor allem dort, wo Mitbestimmung wirkt.

4. Wo es wehtut

Das wäre eine ungetrübt gute Nachricht — wenn nicht eine Gruppe systematisch durchs Raster fiele.

Eine Stepstone-Analyse von 4,6 Millionen Stellenanzeigen, veröffentlicht im Januar 2026, zeigt: Im gesamten Jahr 2025 lag der Anteil ausgeschriebener Einstiegspositionen 42 Prozent unter dem Fünfjahresschnitt — im dritten Quartal sogar 49 Prozent darunter. Indeed dokumentiert für Junior-Entwicklerstellen einen Rückgang von 54 Prozent seit 2020. Senior-Positionen büßten in derselben Zeit nur 15 Prozent ein.

Die sektorale Differenz erzählt die genauere Geschichte:

  • Vertrieb: −56%
  • Personalwesen: −50%
  • Verwaltung: −34%
  • Kundenservice: −20%
  • Bildungsbereich: +96%
  • Handwerk: +52%

Das Muster folgt exakt der Substituierbarkeit kognitiver Routinearbeit.

Aber Dr. Virginia Sondergeld, Ökonomin am Indeed Hiring Lab Deutschland, warnt vor einer monokausalen Lesart: „Die ersten Zahlen aus der deutschen Tech-Branche legen nahe, dass sich der Einsatz von KI auch hier eine Rolle beim Rückgang von Einstiegsjobs spielen könnte.” Ihr „könnte” ist methodisch. Sechs Jahre Wirtschaftsstagnation lassen sich nicht aus der Statistik herausrechnen.

Und doch — die Fälle mit eindeutiger KI-Zuschreibung sind real. Die Allianz-Tochter Allianz Partners kündigte im November 2025 den Abbau von bis zu 1.800 Stellen an, weil KI Callcenter-Tätigkeiten übernimmt. Die Commerzbank investiert 600 Millionen Euro in KI und streicht 3.000 Stellen — primär über Altersprogramme. SAP baute 2.600 Stellen in Deutschland ab und kommunizierte dies öffentlich als KI-bezogen; der Betriebsrat hielt dagegen, die Entscheidungen seien „hauptsächlich kostengetrieben”. Die SAP-Gesamtbelegschaft 2025 liegt dennoch über dem Stand von 2024.

Drei Unternehmen, drei Entscheidungen. Die Technologie ist die gleiche.

5. Die normative Wahl

Hier liegt der Punkt, den die meisten Beiträge zur KI-Debatte umgehen.

Die These des IAB, KI sei eine demografische Brücke, beruht auf einer normativen Annahme: dass Unternehmen Produktivitätsgewinne zur Lückenfüllung nutzen — nicht zur Verkleinerung der Belegschaft. Allianz Partners und Commerzbank zeigen, dass diese Annahme nicht zwangsläufig wahr ist. Sie ist eine Wahl.

Im deutschen Mittelstand wird diese Wahl täglich getroffen. Die Adoptionsquoten gehen je nach Erhebung weit auseinander: Das IfM Bonn nennt für 2024 25 Prozent — die DIHK-Digitalisierungsumfrage 2026 mit 5.000 befragten Unternehmen meldet 41 Prozent für den Mittelstand ab 20 Mitarbeitenden. Die KfW wiederum dokumentiert eine Verfünffachung in sechs Jahren — von 4 auf 20 Prozent. Die Lücke ist nicht so groß wie das öffentliche Bild suggeriert.

Hidden Champions wie Trumpf, Sick, Festo und Koenig & Bauer zeigen, was möglich ist. Eine Studie des IfM Bonn belegt: Sie nutzen KI mit 18,8 Prozent mehr als doppelt so häufig wie der Rest des Verarbeitenden Gewerbes (8,9%).

Doch für die Mehrheit der Beschäftigten sieht die Wirklichkeit anders aus. Die DiWaBe-2.0-Befragung von BAuA, ZEW, IAB und BIBB mit rund 9.800 Beschäftigten — die belastbarste deutsche Datenquelle zu KI am Arbeitsplatz — zeigt: Nur ein Drittel der KI-Hauptanwendungen wird vom Betrieb formal eingeführt. Zwei Drittel der Nutzenden setzen KI eigeninitiativ ein. Meist ChatGPT, meist Übersetzungstools.

Schatten-KI.

Wer ohne betriebliche Rahmung KI nutzt, trägt allein die Verantwortung für Qualitätsprüfung, Datenschutz, Kontextualisierung. Im Januar 2026 verabschiedete die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) neue Richtlinien: Erstmals müssen Arbeitgeber psychische Belastungen durch KI-Tools in der Gefährdungsbeurteilung erfassen. Die Behörde hat damit institutionell anerkannt, was die Forschung als sense-making cost bezeichnet — die Verschiebung des Aufwands vom Produzieren zum Prüfen.

6. Die offene Frage

Was zeigt sich also? Die Daten erlauben keine Behauptung, KI mache Arbeit „sinnvoller”. Sie erlauben auch nicht die Gegenthese, KI mache Arbeit weniger.

Sie zeigen: KI macht Arbeit intensiver.

Die DiWaBe-Befragung dokumentiert, dass Beschäftigte mit intensivierter KI-Nutzung gleichzeitig von höherer Arbeitsautonomie und von signifikant höherem Termin- und Leistungsdruck berichten. Der Microsoft Work Trend Index 2025 misst für Wissensarbeiter 275 Unterbrechungen täglich; 40 Prozent rufen ihre E-Mails bereits vor sechs Uhr morgens ab.

Die Demografie wartet nicht. Aber die Wahl, wie wir die Lücke füllen, wird täglich neu getroffen — in jeder Betriebsversammlung, jeder Einführungsentscheidung, jeder Förderrichtlinie. Substitution oder Halt. Schatten oder Rahmen. Verdrängung oder Brücke.

Die Frage ist nicht, was KI mit uns macht. Sondern was wir mit ihr machen, wer am Tisch sitzt, wenn das entschieden wird, und ob wir den Mut haben, beides offen auszusprechen.

Quellen

  1. IAB-Kurzbericht 5/2024: Grienberger, Matthes, Paulus — Substituierbarkeitspotenziale 2022. https://doku.iab.de/kurzber/2024/kb2024-05.pdf
  2. IAB-Forschungsbericht 23/2025 / Pressemitteilung 19.11.2025: KI-Effekte auf den deutschen Arbeitsmarkt, Zitate Weber und Schneemann. https://iab.de/presseinfo/kuenstliche-intelligenz-koennte-das-bip-wachstum-in-den-naechsten-15-jahren-um-jaehrlich-08-prozentpunkte-erhoehen/
  3. Bertelsmann Stiftung / IAB (November 2024): Erwerbspersonenpotenzial bis 2040. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2024/november/ohne-zuwanderung-geht-die-zahl-der-arbeitskraefte-in-deutschland-bis-2040-deutlich-zurueck
  4. ifo-Konjunkturumfrage Juni 2025: Stellenabbau-Erwartungen durch KI. https://www.ifo.de/fakten/2025-06-05/ein-viertel-der-unternehmen-rechnet-mit-stellenabbau-durch-kuenstliche
  5. WSI-Betriebsrätebefragung 2025 (Hans-Böckler-Stiftung): Noch kein abrupter Wandel der Arbeitswelt. https://www.boeckler.de/de/boeckler-impuls-noch-kein-abrupter-wandel-der-arbeitswelt-76591.htm
  6. Stepstone-Analyse Januar 2026: Einstiegsjobs 2020–2025. https://www.thestepstonegroup.com/deutsch/newsroom/pressemitteilungen/analyse-update-fuer-das-gesamtjahr-einstiegsjobs-auch-2025-deutlich-unter-dem-fuenfjahresschnitt/
  7. Indeed Hiring Lab (August 2025): Junior-Entwicklerstudie, Zitat Sondergeld. https://de.indeed.com/news/releases/indeed-analyse-ersetzt-ki-einstiegsjobs
  8. n-tv (November 2025): Allianz Partners — KI ersetzt bis zu 1.800 Stellen. https://www.n-tv.de/wirtschaft/der_boersen_tag/Allianz-Sparte-will-laut-Insider-bis-1800-Mitarbeiter-durch-KI-ersetzen-id30071593.html
  9. Merkur: Commerzbank KI-Offensive — 600 Mio. €, 3.000 Stellen. https://www.merkur.de/wirtschaft/commerzbank-startet-ki-offensive-000-jobs-fallen-weg-zr-94297673.html
  10. Golem (Juli 2025): SAP-Stellenabbau und KI. https://www.golem.de/news/neue-stellenstreichungen-sap-will-durch-ki-bei-vertrieb-und-entwicklung-abbauen-2507-198469.html
  11. IfM Bonn (März 2025): KI findet zunehmend Akzeptanz in KMU. https://www.ifm-bonn.org/meta/news/meldung/kuenstliche-intelligenz-findet-zunehmend-akzeptanz-in-kleinen-und-mittleren-unternehmen
  12. DIHK-Digitalisierungsumfrage 2026 (N=5.000). https://skill-sprinters.de/blog/ki-digitalisierung/dihk-digitalisierungsumfrage-2026-5000-unternehmen-was-sie-zeigt/
  13. KfW Research: Künstliche Intelligenz im Mittelstand (Pressemitteilung). https://www.kfw.de/%C3%9Cber-die-KfW/Newsroom/Aktuelles/Pressemitteilungen-Details_880896.html
  14. IfM Bonn: Hidden Champions und KI. https://www.pro-magazin.de/nur-wenige-hidden-champions-nutzen-bisher-kuenstliche-intelligenz/
  15. ifo / DiWaBe 2.0 (Januar 2026): Nur jeder fünfte Beschäftigte nutzt KI regelmäßig. https://www.ifo.de/pressemitteilung/2026-01-05/nur-jeder-fuenfte-beschaeftigte-nutzt-ki-regelmaessig
  16. BAuA (Januar 2026): Neue Regeln für KI am Arbeitsplatz. https://www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/baua-schliesst-luecke-neue-regeln-fuer-ki-am-arbeitsplatz/68473032
  17. Microsoft Work Trend Index 2025: 275 Unterbrechungen täglich, „endlose Arbeitszeit”. https://news.microsoft.com/source/emea/2025/06/neue-microsoft-studie-zeigt-anstieg-der-endlosen-arbeitszeit-40-der-mitarbeitenden-rufen-e-mails-vor-6-uhr-morgens-ab-meetings-am-abend-steigen-um-16-prozent/?lang=at